Review by Martin Schabenstiel, released in the german VFZ-magazine january/february
2012:
Viel mehr als nur eine Schlachtenbeschreibung
Matthias Manskes neues Buch „Der Weg nach Leuthen in Zinnfiguren“
Unter einem düsteren Winterhimmel richten grimmige preußische Musketiere ihre Bajonette
auf den Betrachter, einer der Angreifer fällt getroffen zu Boden, die anderen stürmen
unbeirrt weiter: Schon das Titelbild zeigt, wie bestürzend lebendig Zinnfiguren sein
können, zumal wenn es sich um die vollplastischen Exemplare unseres Sammlerfreundes
Matthias Manske handelt.
Und lebendig geht es weiter: Auf 122 Seiten bietet der Autor weit mehr als nur eine
weitere, diesmal eben auch mit Zinnfiguren illustrierte Beschreibung einer schon
hundertmal in Wort, Bild und Film behandelten Schlacht. Dies liegt vor allem daran,
dass unser Sammlerfreund die Abläufe eben nicht nur detailliert schildert, sondern
auch schlüssig erklärt. An keiner Stelle verfällt er in die bloße Aufzählung politischer
Entwicklungen, strategischer Schachzüge und taktischer Bewegungen, die auch den interessierten
Leser meist schon nach wenigen Sätzen ermüden, weil er ihre Motive und ihre oft zwingende
Logik nicht versteht. Manske dagegen ergänzt die Frage nach dem Wie immer wieder
mit der Frage nach dem Warum. So entwickelt seine Arbeit didaktische Qualitäten,
die man manchem Schulbuch wünschen möchte.
Wie bereits der Titel verrät, wird neben der Schlacht selbst auch ihre politische
und militärische Vorgeschichte behandelt. Schließlich lässt sich das Geschehen dieses
schicksalsträchtigen 5. Dezember 1757 nur verstehen, wenn man die politisch-strategischen
Voraussetzungen ebenso kennt wie die Verfassung der Armeen und die persönlichen Befindlichkeiten
der Entscheidungsträger. Gewiss, auch diese sind schon oft beschrieben worden, aber
selten in einer so klaren Sprache und übersichtlichen Gliederung. Manske vermeidet
Weitschweifigkeit ebenso wie unzulässige Verknappung, er geht ins Detail, ohne geschwätzig
zu werden. Und er führt den Leser immer wieder zu überraschenden Einsichten: Wie
oft ist zum Beispiel schon die mangelnde Kooperation zwischen den verbündeten Österreichern
und Russen geschildert worden, die es dem Preußenkönig immer wieder ermöglichte,
schier aussichtslosen Situationen zu entkommen. Aber während es die meisten Schriftsteller
dabei belassen, den Kopf über die viele Unfähigkeit zu schütteln, erklärt Manske,
dass hinter diesen scheinbar reinen Fehlleistungen eben auch Kalkül steckte. Die
Österreicher wollten gar nicht, dass ihre russischen Verbündeten in ihrem Drang nach
Westen allzu große Erfolge erzielten. Und die russischen Feldherren schielten ängstlich
nach St. Petersburg, wo die preußenfresserische Zarin Elisabeth stündlich sterben
und dem fridericusbegeisterten Peter III. den Thron hinterlassen konnte.
Bei all dem kommt das Hauptthema nicht zu kurz: Zahlreiche Karten, zeitgenössische
Grafiken, Schlachtenbilder und vor allem äußerst realistisch erscheinende Fotos von
Figuren-Aufstellungen ergänzen die klar gegliederte, in guter und lebendiger Sprache
abgefasste Beschreibung der Schlacht von Leuthen. Deren Besonderheit bestand nicht
zuletzt darin, dass sie weitgehend nach dem überlegenen Plan eines einzelnen Feldherrn
ablief, ohne sich wie die meisten anderen Kampfhandlungen in ihrem Verlauf zu verselbstständigen
und von glücklichen oder unglücklichen Zufällen abhängig zu werden. Dieses Alleinstellungsmerkmal
der Leuthen-Schlacht, das auch ihre besondere Faszination ausmacht, stellt Manske
vorbildlich heraus. Und er verweist auch immer wieder auf die grundsätzlich verschiedenen
taktischen Möglichkeiten der gegnerischen Parteien und ihre Ursachen, um den preußischen
Sieg zu erklären.
Viele Bücher über Friedrich den Großen und seine Zeit werden uns in diesem Jubiläumsjahr
noch begegnen, darunter manches teure Prachtwerk. Aber nicht jedes wird uns in so
gelungener Form so viele Einsichten vermitteln, wie dieses im Selbstverlag erschienene
Bändchen.
Martin Schabenstiel
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